Darum geht es im neuen Buch „Ankerpunkte“ von Julian Sengelmann aus Rotherbaum. Der Schauspieler, Musiker, Moderator und Theologe erzählt Geschichten, gibt praktische Tipps und möchte die Leser*innen dazu einladen, auf persönliche Entdeckungsreise zu gehen.

THIS: Spannender Titel. Und wer kennt es nicht … Entscheidungen treffen, die man dann wieder hinterfragt. Wie kam es zum Buch?

Julian Sengelmann: Die letzten fünfeinhalb Jahre waren für mich ganz besonders einschneidend. Das ging los mit der Corona Pandemie, die in der Gesellschaft bis heute nicht aufgearbeitet beziehungsweise verarbeitet wurde. Alles, was wir bis dahin für selbstverständlich hielten, war hinfällig. Ausgangssperre und Systemrelevanz. Was macht das mit einem – man arbeitet hart, ist plötzlich aber nicht relevant für das System. Und nachdem Impfstoffe auf dem Markt waren, kam der Graben zwischen „Schlafschafen“ und „Coronaleugnern“. Und dann, als man darüber hätte reden können, startet der Ukrainekrieg. Ich nenne es Apokalypsen-Hopping. Wieder keine Zeit, etwas zu verarbeiten, dafür erneut angstmachende Meldungen in den Medien. Als würde das nicht reichen, musste ich eine extreme und fürchterliche Häufung privater Schicksalsschläge verkraften. Sodass ich als Pastor fast die Hoffnung verlor. Denn obwohl ich fast immer wie ein Strahlemann wirke, ist mein Glas in der Regel halb leer statt halb voll. Ich wollte meine Hoffnung aber nicht verlieren und habe mich aus diesem Grund auf eine Reise begeben, um sie zu finden. Ich habe mich selbst gefragt „Was kommt, was geht, was bleibt? Woran können wir (uns) festhalten? Und warum lohnt es sich, die Hoffnung nicht aufzugeben?“

 

Wie hast du das angestellt?

In diesem Buch geht es um diese großen Fragen, die uns seit Jahrtausenden umtreiben und die wir manchmal viel zu schnell abtun. Um Hoffnungsperspektiven, gute Gewissheiten, besondere Orte und schöne Momente. Um konkrete und – hoffentlich – hilfreiche Rituale, die – teilweise seit Jahrhunderten – von Menschen praktiziert werden, um in Krisenzeiten Halt zu finden. So nenne ich beispielsweise 365 gute Gründe gegen die Angst.

 

Das sind natürliche eine Menge und du widmest der Angst sogar das erste Kapitel…

Ja, denn Angst ist etwas Bemerkenswertes. Sie ist überall um uns und in uns spürbar, dabei häufig nicht greifbar. Sie ist indifferent und konkret, rational und absurd. Sie stört uns, ist gesamtgesellschaftlich verpönt und wird mit Schwäche verbunden, und trotzdem wären wir als Menschheit vermutlich längst ausgestorben, wenn Angst nicht zum Kanon unserer Grundgefühle gehörte. Sie ist also per se nichts Schlechtes. Eine Möglichkeit, sich mit ihr auseinanderzusetzen, ist, mit ihr ein Gespräch zu beginnen. Sage ihr, wie und wann du sie erlebst. All das, was du ihr immer schon sagen wolltest. Schreibe diese Gedanken nieder und bewahre sie für schlechte Zeiten auf, in denen die Angst sich wieder und wieder bei dir meldet. Das kann helfen.

 

Apropos aufschreiben. Gut hat mir dein Tipp mit dem „Glück im Einmachglas“ gefallen.

Danke, es ist ein Trick sich selbst zu helfen, wenn man im Sumpf der schlechten Nachrichten zu versinken droht. Man nimmt sich jeden Sonntag fünf Minuten Zeit und schreibt auf einen kleinen Zettel etwas Schönes, das einem in der Woche davor widerfahren ist. Gefaltet wandert der Zettel in ein Einmachglas. Man wird sich wundern, wenn man an Silvester alle Zettel liest, was für ein bemerkenswertes Jahr man hatte. Etwas Ähnliches mache ich im Weihnachtsgottesdienst in St. Georg. Ich lese 25 positive Nachrichten vor. Bei einigen gibt es sogar Beifall.

 

Passend dazu dein Epilog, der mir in Erinnerung bleiben wird: „Rechne mit allem. Auch mit dem Guten.“

Das sollte man immer bedenken und noch ein schöner Spruch dazu: „Man muss den Tag auch mal vor dem Abend loben.“

 

BUCHTIPP:

Ankerpunkte, Julian Sengelmann, bene!-Verlag, Hardcover, 256 Seiten, 20 Euro

 © Thomas Leidig

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