Kunst und Menschlichkeit in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche: Vom 22. bis 25. Oktober präsentiert fluctoplasma – Hamburgs Festival für Kunst, Diskurs und Diversität – über 50 Veranstaltungen unter dem Titel „humanity in (dis)solution“. Zwei Ausstellungen erweitern das Programm über die Festivaltage hinaus.
Was bedeutet Menschlichkeit, wenn Menschenwürde, Solidarität und demokratische Gewissheiten unter Druck geraten? Dieser Frage widmet sich die siebte Ausgabe von fluctoplasma. Über 50 Veranstaltungen verbinden Musik, Theater, Performance, Film, Literatur, bildende Kunst und gesellschaftspolitischen Diskurs. Künstler*innen, Aktivist*innen und Denker*innen bringen postmigrantische, jüdische, queere und diasporische Perspektiven zusammen und fragen: Wer gehört zum gesellschaftlichen „Wir“? Welche Verantwortung trägt Kunst? Und wie wird aus unterschiedlichen Erfahrungen gemeinsames Handeln? Der Titel „humanity in (dis)solution“ bewegt sich zwischen Auflösung und Lösung: Gesellschaftliche Verbindungen zerfallen, zugleich entstehen neue Möglichkeiten für Solidarität und Widerstand.
„Wir erleben eine Zeit, in der der gesellschaftliche Zusammenhalt nicht mehr vorausgesetzt werden kann. Mit fluctoplasma schaffen wir einen Raum, in dem Kunst neue Perspektiven eröffnet, Widersprüche sichtbar macht und konkrete Formen von Solidarität erprobt“, erklären die Festivalleiter*innen Nina Reiprich und Dan Thy Nguyen.

Eröffnung: Gemeinsam handeln
Der kostenlose Eröffnungsabend beginnt am Donnerstag, 22. Oktober, um 18 Uhr an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Beim Panel „Allein sind wir erledigt. Zusammen erledigen wir das.“ sprechen Ido Gotlib, Nhi Le und Julia Wissert unter der Moderation von Sonia Smolenski über Errungenschaften und offene Versprechen postmigrantischer Kulturarbeit. Kooperationspartner sind CPPD und DAGESH, zwei Programme von DialoguePerspectives e. V. Anschließend folgen Sekt und Börek, ein Konzert von MADANII und ein DJ-Set von Booty Carrell und Bushfya.
Kunst, Würde und Widerstand
Die vom Fonds Darstellende Künste geförderte Konferenz „the politics of being human“ im MARKK untersucht, welche Handlungsmöglichkeiten Kunst angesichts autoritärer Entwicklungen eröffnet. Am Freitag, 23. Oktober, befassen sich Tunçay Kulaoğlu und Heinrich Horwitz mit postmigrantischem Theater und dem Verhältnis von Kunst und Politik. Am Samstag fragt die Journalistin Amina Aziz in „Menschliches Handeln im Politischen?“ nach Besonnenheit, Haltung und berechtigter Wut.
In Kooperation mit der Friedrich-Ebert-Stiftung stellen Çetin Gültekin und Mutlu Koçak am 23. Oktober im Westwerk „Geboren, aufgewachsen und ermordet in Deutschland“ vor. Die kostenlose Veranstaltung erinnert an Gökhan Gültekin, der beim rassistischen Anschlag in Hanau ermordet wurde, und an den Kampf der Angehörigen für Aufklärung und Gerechtigkeit.

Performance, Glauben und Erinnerung
Am 24. Oktober verbindet Irina Dzhus mit „ANTICON“ im resonanzraum verwandelbare Kleidung, mehrsprachige Lyrik und elektronische Musik. Nachwuchskräfte aus fluctoplasmaYOUNG wirken vor und hinter der Bühne mit. „Queer Religion“ bringt am selben Abend im TONALi Saal persönliche Glaubensbiografien mit Neukompositionen von Tayfun Guttstadt zusammen. Am 25. Oktober vereint Shlomi Moto Wagner alias Mazy Mazeltov in „SALVATION (Glitter Doesn’t Care I’m a Boy)“ im LABOR des Ernst Deutsch Theaters Drag, jüdische Mystik, Oper, Pop und Techno. Das asambura ensemble führt mit „diasporAsa – Erinnerungsmosaike gegen das Vergessen“ einen partizipativen Workshop und ein Konzert im resonanzraum zusammen: Texte, Bilder und überlieferte Wiegenlieder werden zu gemeinsam gestalteten Klangwelten.
Zum weiteren Programm gehören unter anderem Max Czollek, Hamza Abu Howidy, MALONDA, Hami Nguyen, Kelly Laubinger und Nina Prader.
Zwei Ausstellungen über die Festivaltage hinaus
„aesthetics in (dis)solution“ eröffnet bereits am 17. Oktober im Vorwerkstift. Ermöglicht durch die Liebelt Stiftung Hamburg, untersucht die Ausstellung bis zum 25. Oktober das Verhältnis von Material, Überlieferung und gesellschaftlicher Macht. Beteiligt sind unter anderem Minh Duc Pham, Simone Dede Ayivi und Anca Munteanu Rimnic. Der Eintritt ist kostenlos. „Memory in Dissolution“ ist vom 23. Oktober bis zum 1. November im Westwerk zu sehen. Arbeiten unter anderem von Jamila Barakat, Yara Haskiel und Christa Joo Hyun D’Angelo fragen, welche Geschichten öffentlich sichtbar werden und wie Kunst etablierte Erinnerungsordnungen verändern kann.

Informationen, Förderung und Pressekontakt
fluctoplasma findet an neun Hamburger Spielorten und im öffentlichen Raum statt: Hochschule für Musik und Theater, MARKK, TONALi Saal, Westwerk, Kölibri/GWA St. Pauli, Ernst Deutsch Theater LABOR, resonanzraum, FUNDUS Theater und Vorwerkstift. Festivalpässe, Einzeltickets und Anmeldungen sind über die Website erhältlich. Für die kostenlose Eröffnung wird eine Ticketbuchung erbeten. Kinder bis 14 Jahre haben freien Eintritt. Veranstalter ist fluxus2 e. V. Konzeption, Organisation und Durchführung liegen bei Studio Marshmallow. Die künstlerische Leitung übernehmen Nina Reiprich und Dan Thy Nguyen.
Das Gesamtfestival wird von der Behörde für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg gefördert. Weitere Förderinstitutionen sind die Landeszentrale für politische Bildung Hamburg, das Haus der Kulturen der Welt, die Hamburger Kulturstiftung und die Bürgerstiftung Hamburg.
Programm und Tickets: www.fluctoplasma.com
Aufmacher: Nachwuchsschauspielerin Marlene Biendara © Elena Zaucke