
Es beginnt immer harmlos.
Irgendjemand im Büro sagt:
„Habt ihr eigentlich schon mal diese KI ausprobiert?“
Und plötzlich sitzt Ute aus der Buchhaltung da wie ein Mensch, der versehentlich Zugang zu dunkler Magie erhalten hat.
Ute war vorher komplett normal.
Excel.
Kaffee.
Leichte Verachtung gegenüber dem Drucker.
Dann zeigte ihr jemand, dass KI E-Mails formulieren kann.
Seitdem lebt sie emotional ungefähr sechs Monate in der Zukunft.
Das eigentlich Faszinierende an Menschen über vierzig, die KI entdecken, ist diese Mischung aus Euphorie und absoluter Grenzüberschreitung.
Jüngere Menschen reagieren oft relativ nüchtern:
„Ja okay, praktisch.“
Ute dagegen behandelt ChatGPT wie eine Kreuzung aus Einstein, Gandalf und einem Thermomix.
Sie spricht inzwischen mit der KI wie mit einem persönlichen Assistenten.
„Mach das freundlicher.“
„Nee, seriöser.“
„Nee, mehr Schwung.“
Irgendwann sitzt die KI da vermutlich innerlich völlig erschöpft und denkt:
„Ute, das ist die sechste Version deiner Mahnung.“
Besonders gefährlich wird es, wenn Ute beginnt, ihre Entdeckung missionarisch zu verbreiten.
Dann läuft sie durchs Büro wie jemand, der einen geheimen Zugang zur Matrix gefunden hat.
„Wusstet ihr, dass die sogar Tabellen machen kann?“
Ja, Ute.
Das wussten inzwischen fast alle.
Aber Ute befindet sich bereits auf Level zwei der KI-Eskalation.
Level eins:
E-Mails.
Level zwei:
Bilder generieren.
Und genau dort wird es psychologisch interessant.
Denn plötzlich erstellt Ute vollkommen entfesselt Bilder von:
„Dackel im Smoking auf Motorrad.“
„Steuerberater als Wikinger.“
„Chef als Marvel-Held.“
Und jedes Mal lacht sie dabei so ehrlich, dass man kurz vergisst, wie dystopisch das eigentlich ist.
Das Büro verwandelt sich dadurch langsam in eine Mischung aus Unternehmensberatung und betreutem LSD-Experiment.
Irgendwann kommt dann der kritische Punkt.
Ute beginnt zu glauben, sie könne jetzt ALLES automatisieren.
„Vielleicht brauchen wir bald gar keine Meetings mehr.“
Das sagt interessanterweise exakt dieselbe Firma, die seit acht Jahren nicht in der Lage ist, einen funktionierenden gemeinsamen Kalender zu führen.
KI wirkt auf Büromenschen nämlich ungefähr so wie Steroide auf Fitnessstudio-Anfänger.
Innerhalb kürzester Zeit entwickeln sie völlig unrealistische Selbstbilder.
Plötzlich will jeder:
Prompt Engineer.
KI-Stratege.
AI Consultant.
Thorsten aus Vertrieb hat gestern noch PDFs falsch herum verschickt und erklärt heute auf LinkedIn die Zukunft der Arbeit.
Das geht alles sehr schnell.
Besonders schön finde ich allerdings diese komplette Büroparanoia, die langsam entsteht.
Menschen beobachten inzwischen nervös, welche Aufgaben KI schon übernehmen kann.
Texte.
Bilder.
Präsentationen.
Irgendwo sitzt immer ein Praktikant mit leicht panischem Blick und googelt:
„Welche Jobs übernimmt KI NICHT?“
Und die Antwort lautet aktuell meistens:
Klempner.
Elektriker.
Menschen, die Drucker anschreien können.
Das eigentlich Lustige ist aber:
Je mehr KI im Büro auftaucht, desto menschlicher werden plötzlich die wirklich wertvollen Fähigkeiten.
Humor.
Empathie.
Menschen beruhigen.
Zwischenmenschliche Intelligenz.
Die Dinge also, die Ute seit zwanzig Jahren eigentlich sowieso macht, während Thorsten PowerPoint-Animationen diskutiert.
Und vielleicht liegt genau darin die Ironie der ganzen KI-Revolution.
Die Technologie wird immer intelligenter.
Aber gleichzeitig merken Menschen plötzlich wieder, wie absurd menschlich Arbeitswelt eigentlich ist.
Denn egal wie fortschrittlich alles wird:
Irgendwo sitzt am Ende trotzdem Ute aus der Buchhaltung und fragt die KI, warum der Drucker „schon wieder dieses Ding macht“.