Das Dialoghaus Hamburg wird aus der Speicherstadt wegziehen: 2030 soll die Institution, die vor allem für ihre Formate Dialog im Dunkeln und Dialog im Stillen bekannt ist, in der neuen Dom-Achse zwischen historischer Innenstadt und HafenCity ein neues Zuhause finden. Wir sprachen über diesen bedeutenden Schritt mit der Dialoghaus-Geschäftsführerin Svenja Weber und Nizar Müller, die den Standortwechsel organisieren.

THIS ONLINE Viele Hamburger*innen und Gäste der Stadt, kennen sicher „Dialog im Dunkeln“, ihr macht ja aber viel mehr. Was macht das Dialoghaus aus?


Svenja Weber:
Also für mich sind die Menschen das, was das Dialoghaus tatsächlich ausmacht. Und die Begegnungen – zwischen den Mitarbeitenden, die ja meist unterschiedlichste Beeinträchtigungen haben, und den Besuchenden. Das ist wichtig, denn über Erfahrungen lernen wir Menschen am meisten. Wir bringen unsere Besuchenden in eine Situation, in der ein Perspektivwechsel stattfindet. Sie gehen in eine lichtlose Ausstellung und müssen sich erst einmal neu orientieren, man befindet sich bei uns in einer Situation, in der nichts mehr so funktioniert wie wir es kennen und plötzlich stehen wir einer Person gegenüber, die eine vermeintliche Schwäche hat, uns aber in dieser Situation führt und hilft. Man wird anschließend seine Gewohnheit Menschen vorschnell einzuordnen überdenken. Und wir ermöglichen den Besuchenden die Gelegenheit, in sicheren Räumen ohne Angst zu haben etwas falsch zu machen mit blinden Menschen über Blindheit zu sprechen. Es entsteht eine Begegnung auf Augenhöhe mit Menschen mit Beeinträchtigung.


Für Svenja Weber und Nizar Müller hat der Umzug schon begonnen – sie planen und sammeln Spenden. © Kai Wehl



Unsere Mitarbeitenden – wir haben 81 Mitarbeitende, davon über 50 Prozent Menschen mit sichtbarer und unsichtbarer Behinderung – werden für ihre verschiedenen Aufgaben geschult. Nicht jeder kann alles und man muss mit seiner Behinderung schon sehr gut im Einklang stehen, um tagtäglich Fragen von kleinen und großen Besuchenden nach dem Leben mit der Beeinträchtigung zu beantworten. Es kann schon ziemlich persönlich werden, wenn nach einer Freundin, dem Leben und Lieben gefragt wird. Das vor allem ist es, was das Dialoghaus ausmacht – Austausch mit einer gewissen Leichtigkeit und einem niedrigschwelligem Zugang.

Dieses schöne Konzept gibt es an dieser Stelle in der Speicherstadt seit 26 Jahren. Warum wird ein Umzug geplant? 

Svenja Weber: Das hat mehrere Gründe, zum einen muss die Kaimauer vor unserer Tür saniert werden, was mit großen Beeinträchtigungen verbunden ist. Viel wichtiger ist uns aber die Barrierefreiheit, die wir zurzeit nur im Erdgeschoss aber nicht in allen Stockwerken haben, da der Speicher denkmalgeschützt ist. Wenn Menschen mit Rollstuhl zu uns kommen, müssen wir sie teilweise mit einer Raupe in die Höhe befördern. Die Raupe darf aber nicht jeder bedienen, man benötigt einen Schein dafür. Es ist für uns ein Geschenk, einen komplett barrierefreien Ort schaffen zu können. Nicht nur das, wir können alle Räume, die wir planen nach den Anforderungen neu gestalten. Der Neubau wird ebenerdig und so planen wir beispielsweise ergänzende Formate, wie einen Parcour, in dem es auch um andere Arten von Behinderungen geht.  Wir wollen nicht nur die Welt der Blinden und Gehörlosen zeigen, sondern die Diversität der gesamten Gesellschaft sicht- und erlebbar machen, um deren Zusammenhalt zu fördern. 

Wo soll das neue Dialoghaus realisiert werden?

Nizar Müller: Ebenfalls in einem spannenden Gebäude, einem alten Parkhaus in der Großen Reichenstraße. Es gehört der Sprinkenhof GmbH und soll umgebaut werden. Wir werden vom Erdgeschoss bis 3. Obergeschoss sichtbar sein und insgesamt eine Fläche von ca. 2.700 QM nutzen. Parkplätze wird es praktischerweise über uns aber immer noch geben. Wir sind dann besser erreichbar und auch sichtbarer in der Stadt, denn der neue Standort liegt auf der sogenannten Dom-Achse, einer Verbindung zwischen dem Hamburger Rathausmarkt und der HafenCity, die die Stadt Hamburg wiederbeleben möchte. Dabei soll das Dialoghaus als Kultur- und Bildungseinrichtung eine wichtigere Rolle spielen.

Das neue Dialoghaus wird in ein alstes Parkhaus in der Großen Reichenstraße einziehen, das entsprechen umgebaut wird. © Kraus Schönberg Architekten

Der Neubau wird barrierefrei sein und Platz für alte und neue Formate sowie ein neues Café bieten. © Studio Andreas Heller GmbH und Dialogue Impact gGmbH 

Was sind die nächsten Schritte?

Nizar Müller: Die Fertigstellung ist für 2030 geplant, unserem 30-jährigen Jubiläum. Wir mussten erst einmal die Validierung der Machbarkeit abwarten und können jetzt mit der Umsetzung beginnen, der Entwicklung des Gebäudes mit seinen verschienden Aufgabenstellungen, für die wir Partner*innen gewinnen wollen. Und das alles bei laufendem Betrieb, aber wir denken halt auch das Morgen. Dafür entwickeln wir gerade Spendenkampagnen und eine Fundraising-Strategie. Das Gesamtvolumen beläuft sich auf 16 Mio. Euro, wobei wir mit der Stadt in konstruktiven Gesprächen sind, um eine machbare Co-Finanzierung zu ermöglichen. Wir haben bereits Unterstützer*innen, aber um 8 Mio. Euro aufzubringen sind noch große Anstrengungen erforderlich. Wir haben aber schon viele Ideen, sammeln natürlich weitere und freuen uns über Mitwirkende, die mit uns gemeinsam den Neubau realisieren.                          


FAKTEN & SPENDENMÖGLICHKEIT

Seit der Eröffnung am 1. April 2000 hat das Dialoghaus über 1,8 Millionen Menschen empfangen. Jährlich kommen ca. 100.000 Besuchende (darunter sind über 40.000 Schüler*innen) in die Ausstellungen Dialog im Dunkeln, Dialog im Stillen und andere Dialog-Formate, wie Dinner in the Dark sind. Derzeit gibt es 81 Mitarbeitende, die Hälfte hat eine sichtbare oder unsichtbare Behinderung, sie leisten einen aktiven Beitrag zu einer inklusiven Gesellschaft. Das Dialoghaus finanziert sich durch den Eintritt, Workshops und Spenden. 

Wer das Dialoghaus Hamburg und/oder dessen Neubau unterstützen möchte, findet HIER INFOS.

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