Das Wetter bei uns schlägt Kapriolen – von glühendem Hochsommer mit Hitzerekorden zu gefühlt eiskaltem Herbst in nur einer Woche. Gut, dass wir in Hamburg einen der bekanntesten deutschen Wetter- und Klimaexperten haben: Frank Böttcher.

Foto: © Christian Bittcher

THIS: Was man häufiger gehört hat, an den vergangenen heißen Tagen war: „Früher war es auch heiß – da hieß das einfach Sommer“? Haben diese Menschen recht?
Frank Böttcher: Frank Böttcher: Völlig richtig. Früher war es auch heiß. Es war aber nicht so heiß, wie heute. Wenn an diesem Mythos etwas dran wäre, dann müsste es ja früher mehr heiße Tage im Jahr gegeben haben als heute. Die Fakten sagen: Ganz früher, also 1881 bis 1920 gab es in 30 Jahren 32 Tage über 30 Grad. Mittelfrüher (1961 bis 1990) waren es schon 76 Tage. Dazu mal die letzten 30 Jahre (1996-2025) im Vergleich: 174. Der heißeste Tag in Hamburg 1891 bis 1990 lag bei 35,7°C. Aktuelle sind 39,1°C. In Neuwiedental sogar 40,1°C. Es steht jedem frei zu glauben, dass es früher vergleichbar heiß war. Die Daten entsprechen diesem Glauben jedoch nicht.

THIS: Menschen, die so etwas behaupten lehnen die These von der Mitschuld, also einen menschgemachten Klimawandel ab. 99 Prozent der Wissenschaftler bejaht sie. Du ja auch, hast du ein paar überzeugende Argumente?
Frank Böttcher: Das ist nicht sehr schwer, weil wir alle Ursachen für Erwärmung kennen. Wir wissen wie stark sämtliche natürliche Einflüsse auf das Klima wirken. Dazu zählen die Veränderungen in der Intensität der Sonnenstrahlung in ihrem 11-jährigen Zyklus. Wir kennen die Wirkung der Vulkanausbrüche und der Meeresströmungen. Mit all diesen natürlichen Einflüssen ist die globale Erwärmung nicht erklärbar. Mit der Wirkung der Treibhausgase ist die Erwärmung hingegen sehr gut erklärbar. Wer also die These vertritt, es sei alles anders als das, was wir schon belegen können, bräuchte dafür unfassbar gute Belege. So lange es diese Belege nicht gibt, ist die belegte Erkenntnis der Klimawissenschaft einfach besser.

THIS: Es sind – nicht nur bei uns – wieder Hitzerekorde aufgestellt worden. Ist man als Mahner da ein bisschen glücklich, weil du ja genau das schon vor Jahren prognostiziert hast, oder dann doch nicht?
Frank Böttcher: Recht zu haben kann furchtbar traurig machen. Unfassbar viele Menschen aus der Forschung haben genau diese Entwicklung seit Jahrzehnten vorhergesagt. Die Realität straft allen Lügen, die der Öffentlichkeit weißmachen wollten, dass eine schwächende Sonne schon eine Abkühlung bringen würde. Dass die Stimmen der Forschung immer wieder weggedrückt werden von Menschen, die mit der Zerstörung des Planeten viel Geld verdienen, ist schmerzhaft. Eine menschliche Eigenschaft ist sehr gefährlich für alle: Gier. Denn, Gier frisst Hirn.

THIS: Und trotzdem nehmen Menschen die Entwicklungen unterschiedlich wahr. Das ist auch Thema auf deinem nächsten ExtremWetterKongress, richtig?
Frank Böttcher: Ja. Ein Beispiel: 2015 gab ein Bild von einem Kleid. Das Kleid hat breite Streifen. Die eine Hälfte der Bevölkerung sieht ein Kleid mit weißen und goldenen Streifen. Die andere Hälfte sieht schwarze und blaue Streifen. Beide Seiten würden vor Gericht schwören, dass das, was sie gesehen haben, stimmt. Obgleich beides gleichzeitig nicht stimmen kann. Unsere Wahrnehmung täuscht uns die ganze Zeit. Unser Gehirn liefert und eine schlüssige Welt mit der Meldung: „Du kannst mir vertrauen, genau so ist es.“ Und es fällt uns mit zunehmendem Alter immer schwerer, diese Meldung des eigenen Gehirns zu hinterfragen. So festigen wir vorgefertigte Meinungen und Vorurteile. Unsere Erfahrung bestimmt unsere Wahrnehmung. Wenn man das verstanden hat, öffnen sich wieder viele Möglichkeiten für den Dialog. Und genau auf diese Spurensuche machen wir uns auf dem ExtremWetterKongress im September… neben all den vielen neuen Erkenntnissen der Wissenschaft.

THIS: Jetzt fühlen sich viele durch den Klimawandel und viele andere Krisen bedroht. Was rätst du Menschen?
Frank Böttcher: Das ist ein wirklich wichtiges Thema. Es kommen immer mehr Menschen zu mir und berichten von den Sorgen und Ängsten, die ihnen der Klimawandel macht. Oft hat es mit einem Gefühl von schwindender Selbstwirksamkeit zu tun. Will sagen: Viele haben das Gefühl, all den Veränderungen machtlos ausgeliefert zu sein. In den meisten Gesprächen zeigt sich, dass ein wesentlicher Schritt darin besteht, die zu erwartenden Veränderungen zu akzeptieren. Das Ignorieren oder Leugnen der Probleme führt zu einem weiter anhaltenden Konflikt zwischen der Wahrnehmung der offensichtlichen Veränderungen und dem Aufrechterhalten der Abschottung. In Hamburg sagt man: “Nützt ja nichts.“
Wenn aus der Akzeptanz der Veränderungen eine Erwartungshaltung wird, öffnen sich wieder viele Handlungsoptionen. Nicht selten komme ich dann auf einen Satz von Charles Darwin zurück, der aus seinen Forschungen schloss, dass nicht die Stärksten, Lautesten oder Schnellsten überleben, sondern die Anpassungsfähigsten. Wir müssen also Lernen, mit den Veränderungen zu leben, statt diese zu Beklagen.

THIS: Viele Experten sagen, dass Europa mit am stärksten von Klimaveränderungen betroffen sein wird. Kannst du sagen, warum es uns besonders treffen soll?
Frank Böttcher: Es trifft uns schon. Zunächst einmal erwärmen sich Landflächen schneller als die Wasserflächen der Ozeane. Zum anderen ändern sich die Wetterlagen. Europa erlebt mehr Südwestlagen und wenn diese auftreten, bringen sie wärmere Luft als früher zu uns. Am Ende ist das also reine Physik.

THIS: Was mir noch zum Wetter einfällt … man sagte ja früher „Drei Tage können Experten das Wetter recht genau vorhersagen – dann wird es unsicher“. Ich habe das Gefühl, dass nicht mal Eintagesprognosen stimmen. Täuscht das, oder hat sich das auch im Klimawandel verändert?
Frank Böttcher: Das ist ein schönes Beispiel für die Erwartungshaltung, dass im Klimawandel alles aus den Fugen gerät. Die Wetterprognosen sind in den letzten Jahrzehnten immer besser geworden. 1960 war die Prognose für den nächsten Tag so gut, wie heute für Tag 6. …das waren ganz schön schlechte Prognosen damals. Meine Vermutung ist eher, dass diejenigen, die als Wetterdienstleister besonders schlechte Prognosen machen, solche Märchen erzählen um ihre eigene Unfähigkeit dahinter zu verstecken.

THIS: Es gibt gerade die Meldung, dass die Weltmeere im Juni einen neuen Allzeit-Temperaturrekord erreicht haben. Laut dem EU-Klimadienst Copernicus lag die durchschnittliche Oberflächentemperatur bei 20,98 °C. Ursachen sind der menschengemachte Klimawandel und das Klimaphänomen El Niño. Der ist bekanntermaßen weit weg. Hat das trotzdem Einfluss auf uns?
Frank Böttcher: El Niño kommt auf die eh schon hohen Werte tatsächlich noch oben drauf. Seit knapp vier Jahren haben die Wassertemperaturen global ein neues, in der Menschheitsgeschichte nie dagewesenes Level erreicht. Dabei hat El Niño keine signifikante direkte Auswirkung auf das Wetter bei uns. Indirekt aber schon. Der Anstieg der Wassertemperaturen insgesamt führt zu mehr Wasserdampf in der Atmosphäre und damit zu einer weiteren Erwärmung der Luft. Auch der Meeresspiegelanstieg beschleunigt sich mit dem Anstieg der Wassertemperaturen, weil sich das Wasser ausdehnt. Der Anstieg des Meeresspiegels verdoppelt sich alle 20 Jahre, auch bei uns an Nord- und Ostsee.

THIS: Es betrifft natürlich nicht nur die Ost- und Nordsee, sondern auch Hamburg. Welche Klimaextreme treffen uns künftig am stärksten – Sturmfluten auf der Elbe, Starkregen in Nebenauen (Alster, Wandse, Kollau…) oder städtische Hitzeinseln – und wie robust ist die wissenschaftliche Attribution dieser Trends?
Frank Böttcher: Was die Temperaturen im Sommer angeht hat Hamburg Glück durch seine Lage. Dank der Nähe zur Nordsee werden extreme Hitzewellen auch zukünftig in Hamburg viel schneller von frischerer Meeresluft abgelöst als in Süddeutschland. Hamburg kann durch längere Sommer auch touristisch profitieren. Langfristig wird der Meeresspiegelanstieg unser größtes Problem. Ich würde deshalb eine neue Oper auch niemals in die HafenCity bauen. Wer möchte, dass die neue Oper 150 Jahre steht – was ja mit Blick auf Gebäude wie die Laeiszhalle nicht lang ist – sollte sich einen höheren Standort wählen. Die nächsten Generationen werden Hamburg nach Nordosten verlagern, da bin ich mir sicher.

THIS: Wagst du eine Prognose, was uns in Hamburg in diesem Jahr noch ereilen könnte?
Frank Böttcher: Das könnte ich jetzt so orakeln, dass ich auf jeden Fall recht habe. Dann kann aber niemand etwas damit anfangen. Wenn ich aber konkret werde, liege ich zu 50 Prozent falsch. Damit kann dann auch niemand etwas anfangen. Also halte ich die Füße still, auch wenn´s schwerfällt. Eine Hitzewelle kommt aber selten allein.

THIS: Wir werden uns anpassen müssen: Welche drei Maßnahmen bringen Hamburg den höchsten Nutzen pro investiertem Euro: Schwammstadt (Entsiegelung, Retentionsdächer), blaue/grüne Infrastruktur, Gebäudekühlung, Frühwarn-/Warnapps – und wo hakt es aktuell (Recht, Zuständigkeiten, Datenzugang)?
Frank Böttcher: Als erstes geht es um den Bevölkerungsschutz: Einkaufzentren müssen Teil der Schutzkonzepte vor Hitze werden. Sie könnten auch an Hitzesonntagen öffnen. Abholservice mit klimatisierten Bussen aus Seniorenwohnanlagen ohne Klimaanlage sollte ab einer bestimmten Temperatur normal sein. Sportvereine sollten ihre Mitglieder auf die Risiken von Sport bei starker Hitze stärker Hinweisen. Eine Hamburg-App die zeigt, wo es gekühlte Räume und Hilfe beim Transport gibt wäre mit wenig Aufwand machbar. Bildung und Kommunikation können schon sehr viel bringen und die Hilfe zur Selbsthilfe verbessern, bevor die Menschen die Krankenhäuser an ihre Grenzen bringen.

THIS: Ein Kollege von dir soll resignierend gesagt haben, er habe viel erklärt und Wissen vermittelt, trotzdem handele die Politik wider besseres Wissen… was sagst du dazu, resignierst du auch oder warum gibst du die Hoffnung nicht auf?
Frank Böttcher: Wenn man vor einem hungrigen Löwen steht, gibt es folgende Optionen: Rückzug, Gegenwehr, Verhandlung oder Resignieren. Bei letzterem hat man ganz sicher sehr kurzfristig eine persönliche Verabredung mit Charles Darwin, weshalb ich Aufgeben in dieser Lage nicht für eine Alternative halte.

Mehr Infos zu Frank Böttcher: boettcher.science

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