Der Wellingsbütteler Schriftsteller und Reisende Wolf-Ulrich Cropp begibt sich erneut auf einen außergewöhnlichen Weg – auf die Spuren von Charles de Foucauld. Von Tamanrasset führt ihn es ihn zu Fuß und per Dromedar durch die algerische Sahara bis ins Hoggar-Gebirge. Wir sprachen mit ihm.
Interview: Hanna Odenwald
Sie brechen in ein paar Tagen zu einer Pilgerreise durch die Sahara auf. Was hat diesen konkreten Weg für Sie so interessant gemacht?
Wolf-Ulrich Cropp: Nun, es ist einmal die Urlandschaft, die Wüste, speziell die Sahara, die mich seit meiner ersten Durchquerung mit dem VW Bulli 1972 fasziniert. Dann natürlich die Vita von Charles de Foucauld, der in der Einsamkeit der Wüste Gott und sein Seelenheil suchte. Mein Ziel ist das Assekrem-Plateau auf rund 2800 Metern Höhe – jener Ort, ab den er einst als Einsiedler lebte. Hier möchte ich den ungewöhnlichen Lebensweg des später heiliggesprochenen Franzosen erkunden und dabei eigene Erfahrungen mit den Foucaulds verbinden.
Was fasziniert Sie persönlich an diesem Mann, der vom Offizier und Lebemann zum Einsiedler und Mönch wurde?
Es ist der „Weg rückwärts“, wenn Sie so wollen. Die meisten Menschen arbeiten sich in eine gesicherte Lebensposition oder bauen eine solche weiter aus, häufen Vermögen an, sind ehrgeizig, wollen Anerkennung, wollen mehr und noch mehr. Mit Foucauld erleben wir einen Menschen, einen begüterten Aristokraten, dem das Leben als Playboy, auch als Offizier keinen Inhalt gab. Er entdeckte den christlichen Glauben als Offenbarung. Schrittweise legte er alles Materielle ab, um „unbelastet“ seiner Berufung zu folgen. Die Suche nach dem wahren Sinn des Lebens waren für ihn: Glaube, Liebe, Hilfe, Barmherzigkeit, Ehrfurcht und Demut.
Gibt es etwas an dieser Haltung, das Ihnen heute – in einer zunehmend schnelllebigen und überfüllten Welt – besonders zeitgemäß erscheint?
Charles radikale Umstellung ist zeitgemäß, zwar in weit übertriebenem Maß, doch auch wir, das Individuum und die Gesellschaften werden sich reduzieren müssen. Der Umwelt wird im Weiterso irreparabler Schaden zugefügt.
Sie reisen zu Fuß und per Dromedar durch eine extreme Landschaft. Was reizt Sie an dieser Form des Reisens – gerade im Vergleich zu einer klassischen Reise?
Zum Einen begebe ich mich auf die Reise, wie auch Foucauld unterwegs war. Das ist authentisch. Zum Anderen ist der Pfad mit Verkehrsmitteln nicht zu bewältigen. Auf dem felsigen letzten Drittel geht es nur zu Fuß weiter. Selbst Dromedare streiken und bleiben im Sand zurück.

Was bedeutet die Route für Foucaulds Geschichte – und was erwarten Sie auf dem Assekrem-Plateau vorzufinden?
Eine interessante Frage, die letztlich erst nach der Reise beantwortet werden kann. Doch so viel vorweg: durch den sicherlich beschwerlichen Weg möchte ich tiefer in sein Leben eintauchen können. Erkenntnisse erlangen, die ich durch das Lesen seiner vielen Briefe, der Bücher über ihn, nicht bekommen konnte. Mein Weg führt von der Oase Tamanrasset, in der Bruder Charles viel Gutes für die dort lebenden Tuareg getan hat, zu seiner einstigen Steinklause auf dem Assekrem-Plateau. Für den Einsiedler war es wichtig, in Höhe und Einsamkeit, Gott nahe zu sein. Die Klause, ein Ort der Spiritualität, ist noch vorhanden. Ich hoffe dort Spuren seines Schaffens zu finden. Er hat dort und im Bordj, einem Gebäude in Oasennähe, viele Schriftstücke, Skizzen, Aufzeichnungen hinterlassen. Bemerkenswert ist sein Lexikon, eine Übersetzung der Tuaregsprache, das Tamascheq ins Französische.
Foucauld lebte in enger Verbindung mit den Tuareg und beschäftigte sich intensiv mit ihrer Kultur. Wie wichtig ist Ihnen, auf dieser Reise auch der Geschichte und Gegenwart der Tuareg zu begegnen?
Ich hoffe, dass es mir gelingt Aufzeichnungen, oder ein mysteriöses Schriftstück zu finden, das Klarheit zu Bruder Charles Ermordung schafft. Der Eremit unterhielt zu einflussreichen Tuareg freundschaftliche Kontakte. Dadurch gelangte er an wichtige Informationen zu Truppenbewegungen des französischen Militärs in Algerien. Islamistische Senussi und Gegner der französischen Besatzer, vermuteten geheime Dokumente bei Foucauld. Grund des Überfalls auf das Bordj und die Ermordung des Einsiedlers? Doch es gab auch unter den Tuareg Feinde der Franzosen. Oder waren da unbekannte Mächte im Spiel, die den radikalen Gottesmann loswerden wollten? Vielleicht lässt sich der gewaltsame Tod doch noch zweifelsfrei aufklären? Sehr wichtig ist mir zu erfahren, wie die einstigen „Ritter der Sahara“ heute um Tamanrasset leben.
Sie haben viele Regionen der Welt bereist. Was kann eine Reise durch die Sahara, die man vielleicht schon zu kennen glaubt – aus Büchern, Filmen und Erzählungen, tatsächlich noch offenbaren?
Die Sahara versetzt dich in eine andere Welt. Der Weg der Erkenntnis führt durch die Wüste. Kein Wunder, dass große Gedanken in der Wüste entstehen. Moses, Mohammed, Mao, Gandhi, Ben Gurion und viele andere Gestalten der Weltgeschichten waren es, die sich in die Wüste begaben und als andere wiederkamen. Ich bin lediglich ein Wüstenfan, der die Einöde als besonderes Biotop wahrnimmt. Die Wüste lebt, man muss nur genauer hinschauen.
Die Sahara ist auch ein Ort der Weite und der Einsamkeit. Was macht diese Einsamkeit mit einem Menschen?
Weite und Einsamkeit machen mich demütig. Staunend lassen sie mich die Erhabenheit der Natur spüren. Der Gläubige mag sagen: dort spüre ich Gott. Über der Wüste liegt eine undurchdringliche Stille. Auch Furcht, Angst und Schrecken lasten auf ihr. Du hörst dein Blut durch die Adern rauschen, den Puls pochen.
Wie bereiten Sie sich körperlich und mental auf die Reise vor? Und gibt es einen Moment, vor dem Sie Respekt haben?
Meine Reisevorbereitungen sind Sport, viel Bewegung, gesundes, mäßiges Essen und intensive Vorbereitung auf das, was mich erwartet. Respekt habe ich vor der Kraft der Natur. Wer diese Kraft unterschätzt, spielt mit seinem Leben.
Geht es auch darum, sich selbst etwas zu beweisen?
Ich will mir nichts beweisen. Für mich warten die besten Erlebnisse stets jenseits der Komfortzone. Ich reise um Wissen zu erweitern, zu schauen, zu staunen und um zu verstehen – solange es die Gesundheit erlaubt. Meine Reisen glichen anfänglich Abenteuern, doch jetzt entsprechen sie eher dem wahren Leben. Ein herrlicher Augenblick in meinem Leben ist der Start zu einer Reise in ein fremdes Land.
Was würden Sie am Ende der Reise gerne über Foucauld verstanden haben, was Sie heute noch nicht verstehen?
Vielleicht werden mir hernach Charles Beweggründe plausibler? Vielleicht verstehe ich seine fast zwanghafte Jesus-Unterwerfung besser? Ist aus dem ewig suchenden Christen durch den Mord in der Sahara ein Märtyrer geworden? Als Schriftsteller werde ich hernach meine Aufzeichnungen überarbeiten. Vielleicht entsteht ein Buch, wer weiß?
Fotos: © Wolf-Ulrich Cropp